Dieses « Festival de Música de Canarias » hat sich seinen Platz in der ersten Liga internationaler Musikfestspiele längst gesichert. Mit dem Programm seiner nunmehr 24. Spielzeit dürfte es ihn mehr als festigen. Hochkarätige Solisten und Dirigenten, Klassik-Weltstars und Musiker internationaler Spitzenorchester können sich täglich gleich im Dutzend auf den kanarischen Flughäfen begegnen.
 |
| Galerie | © OST |
| Das Sinfonieorchester von Teneriffa – hier vor der imposanten Kulisse des Auditorio in Santa Cruz – spielt dort am 17. Januar und am 19. Januar im Auditorio Alfredo Kraus in Las Palmas. |
11.01.2008 - Kanarische Inseln - Mag man anderswo mit Programmen „Mainstream-Klassik satt“ seine zahlungskräftige Klientel gewinnen; das Kanarische Festival gewinnt mit wohl durchdachter künstlerischer Konzeption und wirklich spannenden Konzerten. Von den zwölf Hauptwerken der ersten sechs sinfonischen Festivalabende im Auditorio von Santa Cruz kann mehr als die Hälfte zur „Klassischen Moderne“ gerechnet werden. Neben der „russichen Garde“ Rachmaninow, Prokofjew und Schostakowitsch werden der Ungar Bela Bartók und der Franzose Maurice Ravel zu Gehör gebracht.
11. Januar Ravel und Beethoven
Mit Ravels Ballett „Daphnis et Chloé“ am 11. Januar im Auditorio von Santa Cruz (10.1. Gran Canaria) nimmt es auf Teneriffa seinen Anfang. Diese „Symphonie choréographique“ von 1912 ist eines der drei Ravel-Ballett-Werke, die allesamt Welterfolge wurden. „La Valse“ im Jahr 1920 und „Boléro“ 1928 sollten noch folgen. „Daphnis und Chloé“ aber ist sein Hauptwerk und sein längstes Werk überhaupt. Für Strawinsky war es „eines der schönsten Produkte in der gesamten französischen Musik“.
Das Orchester ist groß besetzt und verwendet 15 verschiedene Schlaginstrumente und einen gemischten Chor, der nach dem Vorbild von Debussys „Nocturnes“ nur Vokale singt. Ausführende sind Chor und Philharmonisches Orchester von Gran Canaria unter der Leitung von Pedro Halffter. Solist im ersten Teil des Programms, Beethovens 3. Klavierkonzert, ist Olli Mustonen.
17. Januar Mussorgski, Ravel und Prokofjew
Modest Mussorgski schrieb 1874 den berühmtesten Klavierzyklus der Welt, der es aber erst in einer Fassung für Orchester zu solch internationalem Ruhm brachte. Im Jahr 1922 nahm sich Maurice Ravel des Werkes an und instrumentierte es geradezu genialisch. Das Schlussbild des 10-teiligen Zyklus, „Das Große Tor von Kiew“, hat es dauerhaft in die ewige Hitliste der Klassik geschafft. Eine Apotheose altrussischer Macht und Glaubensherrlichkeit mit hymnisch anschwellendem Glockengeläut, in das auch das Motiv der Promenade eingearbeitet ist. Damit verband Mussorgski diesen musikalischen Gang durch die Gedenkausstellung seines 1873 verstorbenen Malerfreundes und Architekten Victor Hartmann.
Sergej Prokofjews 3. Klavierkonzert zählt zu den brillantesten und beliebtesten Werken dieses Meisters der stählernen Rhythmen und Barbarismen, der auch so wunderbar Zartes und Lyrisches in Musik zu setzen wusste. Solist des Abends ist Alexander Toradse, der diesen „Reißer“ - wie alle Großen seines Fachs - fest im Repertoire hat. Es spielt das Sinfonieorchester von Teneriffa unter der Leitung von Ehrendirigent Victor Pablo Pérez. Wiederholung des Konzerts am 19. Januar auf Gran Canaria, Auditorio Alfredo Kraus.
18. Januar Klavierabend Murray Perahia
Hier blenden wir ein: Künstlerinformationen ersparen wir uns für dieses Mal. Ganz einfach aus Raumgründen. Alle Dirigenten und Solisten der vielen Festival-Ereignisse sind international oder hier den Konzertfreunden ohnehin bekannt. Weniger „Klassikfirme“ mögen es uns abnehmen: Murray Perahia gilt vielen Klavierfreaks nach wie vor als d e r unübertroffene Großmeister seiner Kunst. Bach, Beethovens Sonate Nr. 12, Händels „Chaconne“ mit 21 Variationen und Brahms’ „Händelvariationen“ lassen Großes erwarten. Konzert auf Gran Canaria mit gleichem Programm: 16. Januar.
19. Januar Prokofjew und Schostakowitsch
Im Jahr 1935 bestellte sich der französische Geiger Robert Seutance bei Prokofjew ein Violinkonzert. Dieser lieferte ihm ein Werk in einem melodisch-emphatischen Stil, das zugleich ein koloristisches und instrumentatorisches Meisterstück wurde. In den letzten Satz komponierte er eine seiner berühmten Walzerparaphrasen hinein. Damit riss es die Leute zur Uraufführung in Madrid von den Sitzen. Seien Sie versichert: Julia Fischer als Solistin wird es am 19. in Santa Cruz, und zuvor am 17. Januar auf Gran Canaria ebenfalls gelingen.
Dimitri Schostakowitsch’ 11. Sinfonie entstand 1957 und trägt den Beinamen „Das Jahr 1905“. Auf Geheiß des Zaren wurden am „Petersburger Blutsonntag“ damals jede Menge friedlicher Demonstranten niedergemäht. In Wirklichkeit angeregt dazu aber wurde Schostakowitsch vom Parteitag der KPDSU im Jahre 1956, der den Terror Stalins endlich enthüllte, und von der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn im gleichen Jahr durch die Sowjetarmee. Diese 11. Sinfonie bezeichnete Schostakowitsch als ein „Grabdenkmal“ für die Besiegten aller Zeiten, denen die Sieger die Ehre verweigern. Sie ist in der Sprache der Opfer komponiert; Massenlieder unterschiedlichen Gehalts und Herkommens werden zitiert, jedoch nicht als schmückendes Beiwerk, sondern im Sinne symphonischer Themen behandelt. Es spielt das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Yakov Kreizberg. Das Konzert findet am 17. Januar auf Gran Canaria statt.
20. Januar Beethoven und eine Uraufführung
Beethovens 8. Sinfonie ist das Werk eines Humors, dem nicht zu trauen ist. Die Hörer der Uraufführung am 27. Februar 1814 in der Wiener Burg waren verdutzt über den gänzlich heiteren, unspektakulären Charakter des Werks. Die Qualitäten der 8. Sinfonie, die nur in ihrer zeitlichen Ausdehnung eine „kleine“ ist, erschließen sich erst dann, wenn man sich darauf einlässt, welche Dimensionen der musikalische Humor hier annimmt. Anstelle etwa des von ihm selbst in die Sinfonik eingeführten Scherzos mit seinen Überraschungsmomenten, komponierte Beethoven für die 8. Sinfonie ein „Tempo di Minuetto“, das einen ironischen Rückblick auf das Menuett des Ancien régime enthält und erfüllt ist von musikalischen „Verfremdungen“. Zu Beginn des Konzerts dürfen die Musikfreunde eine Welturaufführung als Auftragswerk der Festivalleitung erleben: M. Sotelo - „Como Hora el viento“ für Gitarre und Orchester. Wie am Abend zuvor spielt das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Yakov Kreizberg. Gitarrensolist ist Juan Manuel Cañizares. Am 18. Januar ist das Programm auf Gran Canaria zu hören.
Hans Rueda
hans.rueda@wochenblatt.es
Musik aus den Programmen hören Sie zu diesen Konzertberichten jeden Sonntag von 10.00 bis 12.00 Uhr bei Radio Megawelle.